„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind“, so lautet die erste Strophe eines beliebten Weihnachtsliedes. Das singen schon kleine Kinder gerne. Ich bin mir sicher, fast jeder kennt es. Dieses Jahr hat uns aber gezeigt: Selbstverständlichkeiten gibt es nicht mehr. Und so frage ich: Findet Weihnachten wirklich alle Jahre statt? Oder nur in den Jahren, in denen keine Pandemie das Weltgeschehen in Atem hält?

Dieses Jahr ist in vielen Lebensbereichen anders als alles bisher Gekannte. So auch für die Religionen und ihre Ausübung. Für Christen tun sich in dieser Zeit neue Wege der Glaubensausübung auf, manche Einstellung wird hinterfragt und das Begehen der Stationen im Kirchenjahr muss überdacht und gegebenenfalls zeitlich und/oder kreativ verändert werden. Alle dem voran ist Weihnachten von der Pandemie betroffen. Wenn sich nur zwei Haushalte treffen dürfen, wenn manche Familien in Quarantäne sind, und wenn von Reisen zu Verwandten abgeraten wird – wie wird unter solchen Umständen dieser Heiligabend werden? Wie gestaltet man die weihnachtlichen Festtage? Was ist rechtlich überhaupt möglich? Was ist zum Wohle der eigenen Familie und geliebten Menschen guten Gewissens verantwortbar?

Ist ein Weihnachtsfest überhaupt denkbar?

Die Pandemie nimmt nach der Verschnaufpause im Sommer wieder an Fahrt auf; die prophezeite zweite Welle hat uns fest im Griff. Im selben Zuge höre ich in meinem Alltag, wenn das Gespräch auf das Jahresende fällt, Sätze wie: „Weihnachten fällt in diesem Jahr aus!“ Aber geht das für einen praktizierenden Christen? Ich finde „Nein!“ Zugegeben, es wird keine Advents- und Weihnachtszeit sein, wie wir sie bisher hatten. Doch was feiern wir an Weihnachten?

Den Kindern meiner Familie bringen wir bei, dass Weihnachten mehr ist als Christbaum, Krippe, Plätzchen und Geschenke. Es dreht sich alles um dieses kleine Kind in der Krippe und was wir damit verbinden – dass Gott seinen Sohn zu uns Menschen gesendet hat. Allerdings, dass wir Weihnachten zur Zeit der Wintersonnenwende feiern, ist von Menschen gemacht. Aber es geht im Kern weder um das Datum noch um unsere Riten und Gewohnheiten, obgleich diese uns an Weihnachten nicht zuletzt emotional vorbereiten und begleiten.

Die Botschaft und der Weihnachtsfriede

An Weihnachten erinnern sich die Christen, das Gott sich den Menschen auf Erden zu erkennen gibt. Er teilt ihr Leben mit allen Höhen und Tiefen, und will sie von Sünde und Tod befreien. In dem kleinen Jesuskind und dessen Lebensweg zeigt sich Gott solidarisch mit den Menschen – mit uns – um die Menschheit zu erlösen sowie Licht und Hoffnung in die Welt zu bringen.

Dieser Glaube an die Neuwerdung des Lebens bahnte sich schon unter den widrigsten Umständen seinen Weg. So zum Beispiel während des Ersten Weltkriegs, als sich an der Westfront belgische, britische und französische Soldaten den Deutschen unversöhnlich gegenüberstanden. Die verfeindeten Armeen gruben sich in diesem Stellungskrieg tief in die Erde ein. Doch am Weihnachtsabend 1914 beschlossen die einfachen Soldaten, ihre Waffen ruhen zu lassen, aufeinander zuzugehen, um im Niemandsland und den gegnerischen Schützengräben gemeinsam das Fest der Liebe, Versöhnung und Hoffnung zu feiern. Warum? Die überwiegende Mehrheit der Soldaten auf beiden Seiten waren Christen und die Weihnachtsbotschaft wog schwerer als jeder Befehl.

Warum eine veränderte Sicht gar nicht so schlecht ist

Dass ausgerechnet in diesem Jahr Weihnachten zum ersten Mal ausfallen soll, kann ich nicht so stehen lassen. Es erscheint mir zwar fast sicher, dass ich an diesem 24. Dezember nicht wie die letzten Jahre mit meiner Querflöte das „Stille Nacht, heilige Nacht“ in meiner Gemeinde anstimme. Ein Lied, bei dem sich immer dieses wohlige Weihnachtsgefühl einstellt und in den Schlusstakten die Sehnsucht aller nach Frieden den Kirchenraum erfüllt. Ob ich an diesem Weihnachtsfest mit meinen Eltern, beiden Geschwistern und deren Familien an einem Tisch sitzen kann? Seien wir ehrlich: Dieses Mal wird es wahrscheinlich nicht so kommen.

Vielleicht ist das die Zeit, etwas Neues für sich zu entdecken und auszuprobieren. Es zeichnet sich schon ab: Es wird neue Gottesdienstformen geben — warum nicht mal eine Krippenfeier im Freien planen? Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Und noch ein Gutes haben die Einschränkungen: Wenn wir weniger reisen können, können wir ja die Zeit, die wir sonst im Auto oder Zug verbringen, für Ruhe und Stille einsetzen. Eben genau das, was man sich sonst im Dezember immer so sehr wünscht. Und das einem der volle Terminkalender zum Jahresende verwehrt.

… kein Novum, aber eine Anpassung an die Verhältnisse

Wenn wir vielleicht nicht in die Christmetten gehen, nicht mit allen unseren Lieben zusammen sein können, können wir Christen dennoch eigenverantwortlich eine Hausandacht abhalten. Wir können kreativ werden und mit Hilfe der modernen Medien die geliebten Menschen zusammenbringen, den Blick auf die Menschen des Alltags und der direkten Umgeben weiten. Oder anstelle der irgendwie unpersönlichen Weihnachts-E-Mails und WhatsApp-Grüße mit Familienfoto unterm Tannenbaum einfach mal den Hörer nehmen und direkt miteinander sprechen.

„Steht auch mir zur Seite, still und unerkannt, dass es treu mich leite an der lieben Hand“, so endet das Lied „Alle Jahre wieder“. Ehrlich gesagt, ich habe das Christkind auch in den Jahren zuvor nie gesehen – was man sich ja als Kind immer wünscht. Dennoch glaube ich wie Millionen anderer Christen an die Geburt Jesu und dass Gott mit ihm auf die Welt gekommen ist. Daran möchte ich mich auch 2020 erinnern.

Veronika Löser


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